Haupt- und Bischofskirche St. Matthäus

Formulierungen wie "Luthers Achterbahn" oder auch gern "Bodwanndl von Unserm Lieben Herrgott" beschreiben die Architektur der Matthäuskirche cum granu salis auf münchner Weise. Freilich, für das bayrisch-barocke Gemüt muten die asymetrischen Formen des 60 Jahre alten Gebäudes zu "modern" an. Man fremdelt etwas - und schaut mit prüfendem Blick auf die ganz eigenen Farben, Fenster, Formungen. St. Matthäus verliebt sich nicht auf den ersten Blick. Da braucht es ein Kennenlernen - von beiden Seiten. 

Gustav Gsaenger, der Architekt, hat die Kirche so gestaltet, dass sie ein Gotteshaus evangelischer Christen ist, die sich um Wort und Sakrament versammeln. Das bildete er dadruch ab, dass die beiden Säueln im Chorraum der Kirche die bieden Pfeiler lutherischer Gemeindeidentität symbolisieren: Wort und Sakrament. An der südlichen, rechten Säule hängt die Kanzel - Ort der Verkündigung des Wortes Gottes. Unmittelbar neben der nördlichen, der linken Säule befindet sich der Taufstein - Hinweis auf das Grundsakrament der Kirche - die Taufe. Zwischen beiden Säulen keine Kathedra - wie in den alten, katholischen Domen, also kein Thron, kein Stuhl für den Klerus - sondern der Altar. Sinnbild für die bleibende Gegenwart Gottes. Darauf die geöffnete Bibel - Gott, gegenwärtig in seinem Wort. Und der Altar ahmt die Formen eines großen Tisches nach - der Ort der Gegenwart Jesu im Abendmahl. Gemeinschaftsstiftend - mit dem Himmel und miteinander. Die Kuppel des Kirchenraums - getragen von den beiden Säulen - wölbt sich über der Gemeinde und eben nicht über dem Altar oder der vermeintlichen Kathedra. Das ist evangelische Kirchenarchitektur: Gott sammelt seine Gemeinde - das "auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums" (1. Petrusbrief 2,9) - in der es keine hierarchischen Abstufungen gibt. Sondern her versammeln sich alle unter Wort und Sakrament. Gott ist da.

Das große Mosaik an der Chorwand, der Ostseite, der Kirche stammt von Angela Gsaenger, der Tochter des Architekten. Darauf bildete sie das himmlische Jerusalem ab. Gottes kommende Stadt - am Ende der Zeiten. Die Kreuze sind leer - es wird keine Folter mehr geben, keinen Krieg, keine Trauer - "und Gott wir abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein und Leiden wird nicht mehr sein - Gott der Herr spricht, ich mache alles neu" (Offenbarung 21). So die apokalyptische Verheißung...  
Ein starkes Bild, wenn man bedenkt, dass der Blick, der sich in der Kirche versammelnden Gemeinde, schon damals in Richtung Marienplatz gewandt war und die Menschen einst das zerstörte München vor dem inneren Augen hatten. Hier im Bild die kommende, verheißene Stadt des Friedens - draußen, hinter der Wand, die vergangen Jahre einer realen Zerstörung und des Krieges.

Zwischen den beiden Säulen hängt Christus. Crucifixus - der gekreuzigte Gott zwischen Himmel und Erde. In Jesus lässt Gott sich im Hier festnageln. Das Kreuz ist nicht Teil der kommenden Welt - es ist Teil der Gegenwart. Leid, Schmerz, Schuld und Tod gehören zur Wirklichkeit - aber sie sind nicht stark genug, um Gott wegzuscheuchen. Er lässt sich binden, mitten hinein. Ein kantiger Christus, Abbild der Zerbrechlichkeit des Lebens - und Abbild Gottes. Die Kreuzesbalken jedoch sind durchsichtig - sind durchbrochen. Christen sehen beim Leid nicht weg, sie sehen, was dahinter ist: Gottes Gegenwart. Man kann durch das Kreuz, kann durch das Leid hineinschauen in die zukünfigte Stadt. Und Christus wirft seinen Schatten voraus. Er ist schon da... der lebendige Jesus.

Die Kerzen hinter dem Altar brennen während der Gottesdienste. 24 sind es. 12 und 12. Die zwölf Stämme Israles - und die zwölf Apostel. Volk Gottes vor und nach dem Christusereignis. Gott gegenwärtig durch die Geschichte mit seinem Volk und mit der ganzen Welt. Die 24 Lichter stehen auch für die 24 Ältesten, die in der Apokalypse genannt werden, die um den Thron Gottes stehen und ihn anbeten. Sie sind Teil der irdischen und der himmlischen Gemeinde. Hier und doch auch drüben. Daher erscheint diese Wand aus Licht wie ein Hindernis - eine Firewall, wenn man so will - wir können in das neue Jerusalem bereits hineinschauen. Betreten jedoch können wir es noch nicht. Es ist eine Verheißung, die noch auf ihre Erfüllung wartet. 

Kommen Sie und erleben Sie den Raum. Groß wie eine Bahnhofshalle - heimelig wie eine Wohnstube. Der Raum lebt durch seine organischen Formen. Man fühlt sich nie verloren, auch wenn die Größe etwas Erhabenes hat. Das Neue Jerusalem ist auch im Raum abgebildet. Die "Wände sind aus Kristall" - die Fenster also fast vom Boden bis zur Decke. Die "Tore sind aus Gold " - die Türen mit Messing beschlagen. Und, "sie ist im Viereck angelegt"... Äh, wirklich? Nein! Das zumindest stimmt nicht im Bauwerk St. Matthäus. So symetrisch wollte Gsaenger nicht bauen. Bitte keine Quadrate, Rechtecke, kleinen Fenster mehr. Das hatte man nach dem Krieg satt. Der Kirchenraum hat Herzform - asymetrisch - organisch. Der Gemeindesaal umfängt eine Niere... Sehr eigen und besonders und anziehend.

Wie gesagt, St. Matthäus verliebt sich nicht sofort - aber sie birgt und hält und wärmt - und wenns mal gefunkt hat, dann gehört man hierher, irgendwie.  

Herzlich Willkommen!