... und Gastfreundschaft

Im Neuen Testament klingt Gastfreundschaft an vielen Stellen an – ein großes Motiv dahinter ist, Gott nicht noch einmal wie in der vergeblichen Herbergssuche in der Weihnachtsnacht zu verfehlen. Die bekannteste Szene erlebter Gastfreundschaft jedenfalls ist wohl die Osterbegegnung der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Da kommt ein vermeintlich Unbekannter und gesellt sich zu den beiden enttäuschten und resignierten Jüngern. Die beiden erkennen Jesus nicht. Sie erkennen ihn auch dann nicht, als er ihnen alles erklärt, warum es hat so kommen müssen. Erst nachdem sie ihn, den Unbekannten, gastfreundlich einladen, mit ihnen zu essen und zu trinken, da gehen ihnen die Augen auf, und es eröffnet sich ihnen die Begegnung mit dem Auferstandenen. Das eigentliche Geheimnis und der tiefste Sinn der Gastfreundschaft besteht seitdem darin, dass sich in ihr wahre Gottesbegegnung und Erkenntnis des Herrn vollzieht. Der hl. Augustinus sagt es so: „Der Herr wollte die Menschen ermuntern, durch den Dienst der Gastfreundschaft zu seiner Erkenntnis zu gelangen, Wenn er sich auch ‚weit über die Himmel’ von den Menschen entfernt hat, so ist er doch – wie bei den Emmaus-Jüngern – bei den Menschen gegenwärtig, die Gastfreundschaft üben.“ (sermo 236,3)

Jesus ist auch an anderen Stellen selbst oft zu Gast und lässt dabei die Gastgeber seine Herrlichkeit schauen: bei der Hochzeit zu Kana, wo er sein erstes Wunder wirkt, im Hause des Pharisäers Simon oder in der besonders eindrucksvollen Geschichte vom Zöllner Zachäus. Ihn, den Fernstehenden, den Kirchenfremden, wie wir sagen würden, holt Jesus aus seinem Versteck im Baum und ruft ihm zu: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein“ (Lk 19,5). Sähen wir uns nicht manchmal selbst auch gerne in der Rolle des Zachäus, den der Herr sich ausgesucht hat, um in sein Haus einzukehren? Neidvolle Seitenblicke dieser Art hat übrigens schon der hl. Augustinus in ihre Schranken verwiesen, in dem er sagt: „Wartet jemand von euch etwa darauf, den im Himmel thronenden Christus aufzunehmen? Dann kümmert euch um den, der im Torbogen liegt, kümmert euch um den Hungernden, kümmert euch um den Frierenden, kümmert euch um den Fremden … Hört auf die Stimme des Herrn: ’Was ihr einem meiner Geringsten tut, das habt ihr mir getan’“ (sermo 25,8).

Hier kommen wir zum Kern dessen, was christliche Gastfreundschaft ausmacht. Wenn sich Christus zu den Notleidenden und Fremden bekennt, wenn er sich sie so zu eigen macht, dass er „Ich“ sagt, dass er sich selbst mit ihnen identifiziert, dann erhalten sie eine ganz neue Würde. Diese neue Würde macht den Fremden gleichsam zumsacramentum, zum Zeichen der Gegenwart Christi. So erlangt die Gastfreundschaft ihre tiefste Begründung in der Gleichsetzung des Gastes mit Christus. Wer einen Gast aufnimmt, der nimmt Christus selbst auf. Von daher verstehen wir auch, dass Jesus die Gastfreundschaft in der Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46) zur ersten Vorbedingung und zum Maß des Heils erhebt: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ Wer also einen Fremden aufnimmt, der nimmt Christus auf. Und wer Christus aufnimmt, der wird vom Vater aufgenommen und zum Gastmahl geladen, zu dem Gott, der Herr, selbst in seinem Reich einlädt.