... und Gastfreundschaft

Von Gastfreundschaft ist in der Bibel sehr häufig die Rede. Gäste - Bekannte oder "Nochfremde" - einzuladen, sie an den gemeinsamen Tisch zu bitten und willkommen zu heißen, gehört seit jeher zum Wesen christlicher Gemeinden.
Vielleicht liegt da ja auch die Absicht dahinter, Gott nicht noch einmal - wie einst nach der vergeblichen Herbergssuche an Weihnachten - zu verfehlen und ihn der Kälte, der Finsternis und der Einsamkeit zu überlassen...

Eine der bekanntesten Szenen erlebter Gastfreundschaft ist die Osterbegegnung der beiden Jünger unterwegs nach Emmaus. Auf ihrem Weg treffen sie einen vermeintlich Unbekannten und dieser gesellt sich zu den beiden enttäuschten und resignierten Jüngern. Sie gehen gemeinsam. Teilen Gedanken, Gefühle und Lebenszeit. Reden mit- und Hören aufeinander. Doch die beiden erkennen den Fremden nicht. Sie erkennen ihn auch dann nicht, als er ihnen alles erklärt, warum es hat so kommen müssen wie es vermeintlich tragisch kam. Erst nachdem sie ihn, den Unbekannten, gastfreundlich einladen, mit ihnen zu essen und zu trinken, gehen ihnen am gemeinsamen Tisch die Augen auf. Sie erkennen Jesus. Und die Gemeinschaft eröffnet ihnen eine Begegnung mit dem von den Toten Auferstandenen.

Jesus ist auch an anderen Stellen selbst oft zu Gast: bei der Hochzeit zu Kana, wo er sein erstes Wunder wirkt; im Hause des Pharisäers Simon oder in der besonders eindrucksvollen Geschichte vom Zöllner Zachäus. Ihn, den "Fernstehenden", holt Jesus aus seinem Versteck im Baum und ruft ihm zu: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein“ (Lk 19,5). Sähen wir uns nicht manchmal selbst auch gerne in der Rolle des Zachäus, den der Herr sich ausgesucht hat, um in sein Haus einzukehren? Neidvolle Seitenblicke dieser Art hat übrigens schon der hl. Augustinus in ihre Schranken verwiesen, in dem er sagt: „Wartet jemand von euch etwa darauf, den im Himmel thronenden Christus aufzunehmen? Dann kümmert euch um den, der im Torbogen liegt, kümmert euch um den Hungernden, kümmert euch um den Frierenden, kümmert euch um den Fremden … Hört auf die Stimme des Herrn: ’Was ihr einem meiner Geringsten tut, das habt ihr mir getan’“ (sermo 25,8).

Das ist es, was christliche Gastfreundschaft ausmacht. Wenn sich Christus zu den Notleidenden und Fremden bekennt, wenn er sich sie so zu eigen macht, dass er „Ich“ sagt, dass er sich selbst mit ihnen identifiziert, dann erhalten sie eine ganz neue Würde. Diese neue Würde macht den Fremden gleichsam zumsacramentum, zum Zeichen der Gegenwart Christi. So erlangt die Gastfreundschaft ihre tiefste Begründung in der Gleichsetzung des Gastes mit Christus. Wer einen Gast aufnimmt, der nimmt Christus selbst auf. Von daher verstehen wir auch, dass Jesus die Gastfreundschaft in der Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46) zur ersten Vorbedingung und zum Maß des Heils erhebt: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ Wer also einen Fremden aufnimmt, der nimmt Christus auf. Und wer Christus aufnimmt, der wird vom Vater aufgenommen und zum Gastmahl geladen, zu dem Gott, der Herr, selbst in seinem Reich einlädt.